Donnerstag, 29. Dezember 2016

Thérèse Raquin

erschienen 1867, 270 Seiten, dtv Verlag 

Mit Emile Zola hab ich mich in letzter Zeit sehr viel auf der UNI beschäftigt. Er gilt als Erfinder der naturalistischen Literatur und entwickelte den sogenannten Sekundenstil. Dabei werden Situationen akribisch beschrieben ohne eine subjektive Wertung einzubauen. Zola orientierte sich in seiner Literatur an wissenschaftlichen Methoden und hebte die Literatur somit von der Romantik ab. Besonders dabei war die Darstellung des Hässlichen in der Welt. 

Ich habe diesen Roman regelrecht verschlungen! Mit französischer Literatur konnte ich mich anfangs ja nicht so besonders anfreunden, aber alle Romane, die dem Naturalismus zuzuordnen sind, haben mich sehr begeistert. In Therese Raquin findet man fast in jedem Kapitel eine sehr realistische Schilderung der Welt, in der dieser Roman spielt. Wir befinden uns in Paris um 1870 herum und bekommen einen guten Eindruck über das Alltagsleben der Menschen damals. 

Inhalt:

Die Protagonistin Therese Raquin wächst bei ihrer Stiefmutter Madame Raquin und ihrem Sohn Camille in der französischen Provinz auf. Ihre Stiefmutter fädelt eine Hochzeit zwischen den beiden jungen Leuten ein. Danach übersiedeln sie nach Paris und Madame Raquin erwirbt ein Nähgeschäft ,indem sie auch Therese beschäftigt.  Camille findet eine Anstellung als Beamter. Die erzwungene Hochzeit stellt sich als leidenschaftslos heraus. Camille ist ein richtiges Müttersöhnchen, dürr, schwach und von Krankheit geprägt, Therese hingegen ist zu Beginn des Romans sehr verschlossen, aber ihre Sinnlichkeit wird immer wieder betont. Sie betrügt ihren Ehemann mit dem Maler und besten Freund ihres Mannes Laurent. Völlig von ihrer Leidenschaft getrieben, ertränken die beiden Camille bei einem Sonntagsausflug  und deklarieren den Mord als Unfall. Danach folgt ein stufenweiser Abstieg in die Hölle und sie werden von Alpträumen und Halluzinationen geplagt, diese sind so ausgeprägt, dass es am Schluss zum Selbstmord kommt. 

Meine Meinung:

Bei diesem Roman darf man keine Unterhaltungsliteratur erwarten, die sich um Ehebruch dreht, wie sie beispielsweise in anderen bekannten Romane zu finden ist. Die Absicht in diesem Roman ist eine psychologische Studie, die sich daraus ergibt, dass Emile Zola zwei komplett konträre Personen in einem Schauplatz platziert und beobachtet was passiert. Dabei geht es vor allem um Temperament und nicht um Charaktere. Im Nachwort sagt Emile Zola: "Ich habe Personen gewählt, die unumschränkt von ihren Nerven und ihrem Blut beherrscht werden, ohne freien Willen" Besonderes Augenmerk wird, wie oben erwähnt, darauf gelegt, das Hässliche, Abartige und Kranke darzustellen, diese Elemente bekommen bei Zola eine neue Ästhetik. Vor allem für das Morbide hat der Schriftsteller eine Vorliebe. 

"die Morgue ist ein Spektakel für jeden Geldbeutel, das sich die armen wie die reichen Passanten umsonst leisten. Die Tür steht allen offen, mag eintreten, wer will. Sie hat ihre Liebhaber, die Umwege machen [...] Laurent kannte bald das Publikum, das hierher kam ..."

Die Leichen werden sehr detailreich beschrieben und auch an allen anderen Dingen, Landschaften, Häuser oder Menschen und Leidenschaft wird das Negative herausgehoben. Zola konzentriert sich in seiner Geschichte aber auch auf die Darstellung menschlicher Triebhaftigkeit, die ja die Protagonisten letztendlich sogar in den Selbstmord treibt. Das letzte Viertel des Buches beschreibt den geistigen Verfall der Protagonisten, wie sie alles Erdenkliche versuchen, um sich von der Schuld zu befreien und dabei zu Grunde gehen. Dieser Schonungslose Blick auf die Welt, ohne Beschönigungen hat mir sehr gut gefallen. Wie Zola die Hässlichkeit der Dinge wiedergibt und sich manchmal in Details verliert sind Beobachtungen eines großartigen Psychologen und Menschenkenner. 

Ich habe genüsslich gelesen, wie Zola seine Figuren in einem feuchten Loch wohnen lässt, wo es nach Friedhof riecht und wie er Schauplätze beschreibt, die gepflastert sind mit gelblichen, abgetretenen Steinplatten und Ecken, in die kein Sonnenlicht dringt. Süchtig las ich die Entwicklung, die Therese und Laurent durchleben und was für Gedanken in ihren Köpfen sie in den Wahnsinn treiben. Fasziniert davon, wie Zola dem Hässlichen der Welt eine eigene Ästhetik schenkt, konnte ich dieses Buch nicht mehr aus der Hand geben und werde demnächst wieder etwas von ihm lesen!

Fazit:

Emile Zola stellt hier eine Welt schonungslos ehrlich dar, vor allem auf das Hässliche geht er genau ein. Seine Protagonisten werden von ihren Dämonen getrieben und können den Kampf letztendlich nicht gewinnen. Ein schönes, schauriges Buch, das jeden Romantiker in den Wahnsinn treiben wird!

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★ verschlungen!

Kommentare:

  1. Hallo Tinka,

    eine schöne Rezension. Ich habe von Zola Nana gelesen, was ein wirklich klasse Buch war. Mit Höhen und Tiefen einer Kurtisane, wo es auch ordentlich zur Sache geht. Danach hatte ich mit vielen Erwartungen Therese Raquin zur Hand genommen. Ich fand das Buch einfach heftig. So wie die Charaktere werden und miteinandern umgehen, das ist schon eine echt heftiger Stoff. Als Vergnügen oder angenehm habe ich die Lektüre nicht empfunden (anders als Nana). Maupassants Art des Naturalismus gefällt mir da wesentlich besser.

    Wobei ich mich der Kritik am Naturalismus durchaus anschließen muss. Eine rein sachliche und nüchterne Betrachtung einer Situation oder eines Lebens ist nicht möglich weil alleine schon die Selektion der beschriebenen Elemente und Szenen und deren Strukturierung und Umsetzung ein Ergebnis eines höchst subjektiven Prozesses durch den Autoren ist. Es ist also immer eine Beschreibung dessen, wie es der Autor sieht. Aber das mindert diesen Stil sicher nicht.

    Liebe Grüße
    Tobi

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    1. Lieber Tobi,

      vielen Dank! Ja da hast du schon Recht, die Handlungen sind sehr extrem aber ich glaube das ist beabsichtigt. Es unterstreicht Zolas Studie über die Triebhaftigkeit von Menschen. Ich denke er hat sich schon sehr damit beschäftigt bevor er das Buch schrieb. Ja, klar ist es immer eine subjektive Sicht, dennoch ist der Naturalismus bemüht diesen Faktor so klein wie möglich zu halten. Arno Holz hat da eine Formel aufgestellt, die besagt: KUNST = Natur - X und da steht das x für die subjektive Meinung, sie kann nie Null sein, sollte aber so klein wie möglich ausfallen. Guy de Maupassants Naturalismus gefällt mir auch sehr gut! Als nächstes möchte ich "die Totschläger" von Zola lesen, da bin ich schon gespannt :) LG und vielen Dank für deinen Kommentar

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  2. Ich fand "Therese Raquin" großartig. Wir haben es im Bookclub gelesen und wir waren alle durch die Bank beeindruckt. Kennst du die Verfilmung ? Hier meine Rezension, falls es Dich interessiert :)
    https://bingereader.org/2015/08/27/therese-raquin-emile-zola/

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    1. Huhu

      Nein! Die Verfilmung kenn ich nicht! Aus welchem Jahr ist die denn? 🙃 Bin auf jeden Fall neugierig! Werd mir gern auch deine Meinung zu dem Buch lesen, kann mir vorstellen, dass mein Buchclub das Buch auch toll finden würde 💫 Lg und schönes Wochenende

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  3. Liebe Tinka,

    nun hast Du mich aber neugierig gemacht :-). Dass es eine psychologische Studie ist, finde ich sehr reizvoll, ebenso wie was Du über den Schreibstil schreibst. Ich mag es, wenn verschiedene Aspekte beleuchtet werden, und gerade die Schattenseiten sind oft spannend. Wird wohl früher oder später in meinem Buchregel landen :-)

    Liebe Grüße

    Claudia

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  4. Liebe Claudia!

    das stimme ich dir zu, die Schattenseiten sind genau das Interessante immer. Wer will auch schon ein Buch lesen in dem alles Milch & Honig ist? Wie sagte schon Aristoteles: Wir Menschen erfreuen uns an der Nachahmung, an der Mimesis, besonders wenn die Tragik der Menschen dabei nicht außen vor gelassen wird, weil wir Freude an Nachahmung haben, da wir fähig sind Empathie zu verspüren und uns in dem Nachgeahmten wiederfinden. Also ran an das Buch!

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  5. Hallo :)

    diese Rezension habe ich jetzt gleich zwei mal gelesen. Ich fand es super spannend, deine Ausführung über den Naturalismus zu lesen. Ich habe davon noch nie gehört, es spricht mich aber auf Anhieb an.

    Ich finde es so zur Abwechslung immer wieder erfrischend, etwas zu lesen, was sich auch mit dem schlechten und negativen auf der Welt beschäftigt, wo es kein Happy End gibt.

    Den Titel werde ich mir auf jeden Fall merken und auch in der Bibliothek mal danach schauen.

    LG
    Julia

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  6. Liebe Julia,

    ich mag das auch sehr gerne, wenn das Negative in Büchern auch dargestellt wird und nicht alles nur Milch & Honig ist. Das Buch ist aber wirklich sehr extrem, das muss man mögen. Wenn man eher der romantische Typ ist und sich in schnulzigen Liebesromanen beheimatet fühlt, dann ist Zola sicher die falsche Wahl! Wenn du es mal liest, dann musst du unbedingt berichten, wie es dir denn gefallen hat !

    LG

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